Wer fragt wozu Bildung?


Wenn mensch glaubt in einer Wissensgesellschaft zu leben, wird es schwer werden sich Bildungsdiskussionen zu ersparen. Eine solche wollen wir hier auch führen.


Österreichische SchülerInnen hatten beim PISA-Test nicht besonders gut abgeschnitten. Interessanterweise haben diese SchülerInnen keine schlechten Noten bekommen, auch wurden sie nicht von ihren Eltern und Erziehungsberechtigten geschimpft, vielmehr ist die Bildungsministerin kritisiert worden. Der PISA-Test hat nämlich den Anspruch, nicht, wie es schulische Tests sonst machen, mechanisch vorher in SchülerInnenmaschinen abgespeichertes Wissen in gleicher Form wieder abzurufen, sondern er überprüft die Fähigkeit gelernte Fertigkeiten in verschiedenen, auch nicht-schulspezifischen Situationen anzuwenden. Nun wird das schlechte Abschneiden unseres Schulsystems dazu benutzt alles mögliche zu fordern, Gesamt-, Ganztags- und notenfreie Schulen, kleinere Klassen, mehr LehrerInnen, weniger Lehrstoff. Diese Forderungen können dann brauchbar sein, wenn ein grundsätzliches Ziel von Ausbildung definiert wird und klar ist, welche Funktion Ausbildungsstätten wie Schulen, Universitäten und Fachhochschulen etc. haben.

Bildung ist mächtig – sie verändert Menschen sehr stark und befähigt sie dadurch an der Gesellschaft teilnehmen zu können. Dass allen die gleichen Sprachen und andere Fertigkeiten gelehrt werden, führt dazu, dass Kommunikation leichter und öfter möglich wird. Außerdem können wichtige Impulse gegeben werden: Indem Themen wie Toleranz, Mülltrennung, Identitätsgeschichte oder auch Business behandelt werden, erreicht mensch eine Sensibilisierung der SchülerInnen. So kann mit Hilfe der Veränderung der Menschen auch die Gesellschaft verändert werden. Das kann durchaus auch gefährlich sein und historische Beispiele wie der Nationalsozialismus zeigen, dass Bildung auch missbraucht werden kann.  An einer guten Bildung, die sich an humanen Idealen orientiert, muss ständig gearbeitet werden. Freilich, das Bildungssystem scheint so träge zu sein, dass es sich noch langsamer als die Politik an gesellschaftliche Entwicklungen anpasst – schließlich muss mensch neue Inhalte und Lehrmethoden erst erwachsenen LehrerInnen beibringen. Da das Bildungssystem aber das System ist, in dem aktiv und zielgerichtet Menschen – „zum besseren“ – verändert werden können, ist Bildungspolitik in mehrfacher Hinsicht wichtig. Politische Parteien die etwas verändern und gar in Regierungen eintreten wollen, tun schlecht daran, das Bildungsthema inhaltlich und personell „unter ferner liefen“ zu behandeln. Lang sind die Wunschlisten an das Bildungssystem, die von zahlreichen Interessensgruppen abgegeben werden: Die IndustriellenvertreterInnen wünschen sich mehr Business- und Managementunterricht, die Kirchen wollen im Biologieunterricht auch das „Intelligent Design“ behandelt wissen. Antiglobalisierungsbewegungen hätten gerne, dass SchülerInnen  ökonomische und soziale Zusammenhänge zu hinterfragen lernen, schließlich wünschen sich naturwissenschaftliche Fakultäten mehr naturwissenschaftlichen Unterricht an den Schulen. Die Situation macht es umso wichtiger eine Bildungspolitik zu betreiben, an der viele Gruppen – darunter auch die SchülerInnen und StudentInnen – teilnehmen können, die sich aber auch Entscheidungen zu treffen traut. Die 2/3-Mehrheit im österreichischen Nationalrat für Schulgesetze ist entscheidungs- und reformhemmend. Ausgerechnet eine Allianz aus SPÖ und katholischer Kirche haben eine Änderung dieser Regel zuletzt verhindert. Inzwischen konserviert die SPÖ übrigens in Allianz mit der ÖVP auch die Strukturen, die mit einfacher Mehrheit änderbar wären.

Bildung eröffnet noch eine zweite für die Gesellschaft enorm wichtige Möglichkeit. Durch Bildung kann mensch Schichtgrenzen überwinden und seine/ihre – individuelle! – Situation verbessern. Hier hat das Bildungssystem auch Massenwirkung, den Aufstieg, wie ihn ProfisportlerInnen und SchlagersängerInnen schaffen, gibt es ja nur für wenige. Die Sozialdemokratie hat im 19. und 20. Jhd. hier vieles geleistet. Ihr Ziel war es die ganze ArbeiterInnenschicht durch Sozialgesetzgebung, aber auch durch kollektive Bildung zu einem besseren Leben zu verhelfen. Leider konnten die Volkshochschulen dieser Idee nicht gerecht werden und sind nur ganz gute Anbieterinnen von Sprach-, Näh- und Fitnesskursen geworden, während der soziale Aufstieg per Ausbildung vor allem ein individueller und nicht kollektiver Schritt wurde. Das wird klar, wenn mensch sieht was Bildung ausmachen sollte, nämlich die Möglichkeiten zu erweitern, am Arbeitsmarkt und im Leben mehr Wahlmöglichkeiten zu haben. Aus diesen Möglichkeiten auswählen kann und muss mensch als EinzelneR, das kann kein Kollektiv für ihn übernehmen. Dass die vielen Wahlmöglichkeiten und ständiger Entscheidungsdruck auch Schwierigkeiten bereiten und Entscheiden auch erst gelernt sein will, sollte einem reformfreudigen Bildungssystem zu denken geben – aber ein reformfreudiges Bildungssystem werden wir so bald ohnehin nicht haben.

Doch zu garantieren müsste der kollektive freie Zugang zur Bildung dann sein, wenn mensch die soziale Mobilität in der Gesellschaft aufrechterhalten will. Das Zurückdrängen der Schicht- oder Klassenzugehörigkeit als zentrale und kaum überwindbare Differenzierung ist das wesentliche Merkmal der modernen Gesellschaft. Es zeigt sich jedoch, dass die soziale Herkunft noch immer spürbare Auswirkungen hat. Kinder von AkademikerInnen studieren weit häufiger als Kinder von ArbeiterInnen. Hier einen Ausgleich zu schaffen ist Aufgabe politischer Steuerung. Wenn der Grund für die Entscheidung nicht zu studieren ein finanzieller ist, hat um soziale Mobilität bemühte Politik versagt. Konservative Politik mag sich allerdings recht wohl fühlen mit dem Faktum, dass es weiterhin große Bildungsunterschiede in der Bevölkerung gibt. Das krampfhafte Festhalten an der Trennung von Hauptschule und AHS – eine anachronistische Trennung die mit Leistungsdifferenzierung nichts zu tun hat – zeugt von gelebter konservativer Ideologie im österreichischen Schulsystem.

Erhaltung und Ausbau eines öffentlichen Bildungssystems, das Chancen gleich gerecht verteilt, wird auch vor einem anderen Hintergrund wichtiger. Netzwerke, so sagt uns die sozialwissenschaftliche Forschung, hätten in den letzten Jahren mehr und mehr an Bedeutung gewonnen. Vernetzt zu sein garantiert Anschluss und Austausch in den wesentlichsten Bereichen des Arbeitens, Studierens, Entscheidens etc., kurz in vielen Bereichen der Gesellschaft. Besonders am Arbeitsmarkt können Netzwerke über Job oder Arbeitslosigkeit, Veränderung oder Abstieg entscheiden. Netzwerke sind in den letzten Jahren verstärkt zu Konkurrentinnen der Bildung geworden. Ein Uni-Abschluss allein genügt nicht mehr, „jemanden zu kennen“ und professionell gut vernetzt zu sein erleichtert den Berufseinstieg und die Sicherheit Arbeitsplätze auch zu behalten enorm. Netzwerkpflege wird nun von Schicht zu Schicht unterschiedlich stark betrieben. Das verstaubte aber leuchtende Vorbild des Adels vor Augen, gehört Netzwerkpflege in finanziell und positionsmäßig bessergestellten Schichten zum Leben dazu. Wessen Familie (!) nicht vernetzt ist, hat es schon schwerer. Solche Netzwerke muss mensch sich, wenn sie sie nicht erbt, erarbeiten. Da kann das Bildungssystem momentan nur wenig leisten. Netzwerke befinden sich somit außerhalb politischer Kontrolle. Allerdings ist hier Vorsicht geboten – es soll auch nicht alles politisch kontrolliert werden können! Doch darf die eine Seite, wo politische Gestaltungsmöglichkeit vorhanden ist, das Bildungssystem eben, nicht ausgehöhlt werden durch die Netzwerkseite, zu der teure Privatschulen und beschränkte Business-School-Studien sehr gut passen. Auf diese Weise trachten Netzwerke danach auch die Bildungsseite zu vereinnahmen, auf Kosten der Chancengleichheit, die durch den Aufstieg par Bildung gewährleistet wird. Chancen werden also mit Geld gekauft und der Zugang ist dynastisch organisiert. Hier muss sich Politik ihrer Verantwortung und Möglichkeiten bewusst sein und wenn nötig mutige Schritte setzen.

In Österreich muss mensch sich allerdings ohnehin fragen, ob das Bildungssystem nicht eher darauf ausgelegt ist, Schichtzugehörigkeit zu zementieren statt soziale Mobilität zu ermöglichen. Die schon erwähnte Zweiteilung in Gymnasium und Hauptschule ist zur Leistungsförderung längst überflüssig – da gibt es weit bessere Methoden die auch in einer gemeinsamen Schule angewendet werden können. So dient sie mehr denn je als Schichtgrenze. Das Milieu der Hauptschulen besonders in den Städten schränkt Chancen von vornherein ein. Stark betroffen sind MigrantInnenkinder, die um eine weitere, dringend benötigte Chance gebracht werden, sich ihre Situation im allzu fremdenfeindlichen Österreich durch Bildung zu verbessern. Und Lehrpläne und -methoden sind oft zu verstaubt um zum Lernen zu motivieren. Nicht die Breite der Allgemeinbildung an den AHS überfordert, sondern das Nichtanknüpfen an Praxis und Verwendungsmöglichkeiten. Dabei könnten etwa AHS-MathematiklehrerInnen frei aus den vielen Anwendungsmöglichkeiten ihres Faches wählen, das könnte aber müsste nicht Wirtschaftsmathematik wie an HAKs u. ä. oder technisches Rechnen, wie an HTLs sein. Bildungspolitik darf wieder besser werden, indem sie pluralistischer wird und als zentrales Anliegen Chancengleichheit garantiert. Weder braucht es konservative Schichtdifferenzierung und MigrantInnenskepsis, noch Fassadenpolitik, wenn von einer „Weltklasse Uni“ gesprochen wird, während die Zustände an den Universitäten so schlecht wie schon lange nicht sind. Noch braucht es Klientelpolitik, wenn LehrerInnengewerkschaften überdimensional viel Einfluss nehmen können.

Das Regierungsprogramm der neuen großen Koalition aus SPÖ und ÖVP schenkt uns jedenfalls viel Ruhe vor Reformen. Es ist darin von einer Bildungsgarantie bis zum 18. Lebensjahr die Rede und von Standards für Abschlussprüfungen, damit erschöpfen sich die Positiva auch schon wieder. Weder gibt es eine Garantie für die flächendeckende Festlegung der KlassenschülerInnenhöchstzahl auf höchstens 25, noch zeigen sich Entwicklungen zur Vereinheitlichung der Unterstufe – natürlich nicht. Ziele der Entwicklung des österreichischen Bildungssystems sind keine formuliert, schon gar nicht klar in Zahlen gefasste Ziele. Stattdessen soll alles evaluiert werden. Evaluierung statt Veränderung. Entwicklung erst irgendwann. Wenn es hier die Bereitschaft zu lernen und sich zu entwickeln gäbe und jetzt meine ich nicht nur die SchülerInnen, werden das nächste mal „in PISA“ vielleicht auch die Noten besser sein.

Stefan Schneider

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